Zeitgeschehen

Der Mordfall von 1922

[Originaltext von Cornelia Schellhorn aus der Chronik 2010, bearbeitet von der Redaktion 2020] Im Frühjahr 1922 kam es in Ulsnis zu einem Verbrechen von unglaublicher Brutalität. Ein 18-jähriger Knecht erschlug vier Menschen.

Opfer waren die 38-jährige Helene Catharina Schmidt, ihr elfjähriger Sohn Arthur und ihr 13-jähriger Sohn Max, sowie das 20-jährige Hausmädchen Frieda Wiese.

Helene Schmidt gehörte die Gärtnerei Schmidt in Ulsnis-Land, die sie von ihrem, im Ersten Weltkrieg gefallenen, Ehemann geerbt hatte. Von ihrem kurz zuvor verstorbenen Vater hatte sie den Klinkerhof geerbt und galt als wohlhabende Frau. Sie war das, was man heute als »gute Partie« bezeichnen würde, und sie hatte sich gerade entschlossen, wieder zu heiraten.

Am Morgen des 3. April 1922 wurde sie gefunden. Ein Fischer, der von Ulsnis-Land zur Meierei ging, sah auf dem Weg neben einer Koppel eine Blutlache, einen blutigen Knüppel und Haare. Die tote Frau Schmidt lag neben den Dornenbüschen am Knick und ihr Gesicht war so entstellt, dass er sie nicht erkannte. Er meldete seine Entdeckung dem Gemeindevorsteher und lief dann zur Gärtnerei, die nicht weit von der Fundstelle entfernt lag, und wollte Frau Schmidt eigentlich von dem Geschehen berichten. Doch er fand das Küchenfenster eingeschlagen und alarmierte einen Nachbarn. Zusammen betraten sie das Haus.

Sie fanden beide Kinder und das Mädchen tot in den Betten, die Köpfe eingeschlagen, die Gesichter entstellt, bedeckt mit Blut und Hirn, die Wände besudelt mit den Spuren der Tat. Der Sekretär im Wohnzimmer war offen, Papiere verstreut. Im Schlafzimmer war eine Schublade des Waschtisches auf den Fußboden gestellt, in der Küche stand ein Eimer mit blutigem Wasser.

Man konnte nicht feststellen, ob größere Geldbeträge fehlten oder ob sonst etwas gestohlen worden war, man fand allerdings in einer verschlossenen Kommode im Schlafzimmer 6800 Mark, Schmuck und silberne Löffel.

Die Polizei ermittelte sofort, trotzdem dauerte es zwei Monate, bis der Täter gefasst werden konnte.

Anhand der Umstände konnte man sicher davon ausgehen, dass Frau Schmidt das Haus freiwillig verlassen hat und dass sie den Täter gekannt haben muss.

Zunächst dachte man an einen Racheakt eines abgewiesenen Ehekandidaten, dann vermutete man Habgier von Frau Schmidts Schwester.

Schließlich brachte ein Strohklappband, welches auf der toten Frau Schmidt lag, die Polizei auf die richtige Spur. Strohklappbänder, in der Farbe wie das vorgefundene, wurden nur auf dem Klinkerhof verwendet.  So geriet zunächst der dortige Verwalter in Verdacht.

Später begann man sich mit dem Knecht Johannes Friedrich Greve zu befassen. Er war seit Februar 1922 auf dem Klinkerhof beschäftigt, kannte deshalb Frau Schmidt. Er war bereits wegen Diebstahls vorbestraft und hatte bis November 1921 in Glückstadt im Gefängnis gesessen.

Man erinnerte sich auch an Verletzungen in seinem Gesicht von Anfang April, die er damals mit dem Ausschlagen eines Pferdes erklärt hatte; bei der heimlichen Durchsuchung seiner Kleider fand man ausgewaschene Blutspuren.

Am 30. Mai 1922 wurde Johannes Greve verhaftet und verhört.

Nachdem er anfänglich hartnäckig geleugnet hatte, gab er schließlich zu, die vier Menschen erschlagen zu haben, stritt jedoch jeden Vorsatz bezüglich der Kinder und des Mädchens ab. Auch noch beim Verhör durch den Untersuchungsrichter blieb er bei dieser Version. Erst beim Diebstahl im Haus seines Opfers habe er den Entschluss gefasst, auch die anderen zu töten.

Als Motiv gab er an, er habe Geld für einen neuen Anzug gebraucht, habe sich aber geniert, auf dem Klinkerhof um Vorschuss zu bitten und sei deshalb auf die Idee verfallen, es bei Frau Schmidt mit Diebstahl zu versuchen.

Johannes GreveJohannes Greve (Foto) nahm sich am 2. April 1922 abends eine Eisenstange aus der Geschirrkammer, schlich sich ca. um 23 Uhr zum Haus der Familie Schmidt, weckte sie durch Klopfen an das Schlafzimmerfenster und rief, ihre Schwester auf dem Klinkerhof sei erkrankt, sie solle mit ihm kommen. Während er auf sie wartete, kam das Mädchen und bat ihn ins Haus. Frau Schmidt ging mit ihm.

Auf Höhe der Koppel griff er sie an, warf sie zu Boden und versuchte, ihr das Strohklappband um den Hals zu legen, um sie zu erwürgen. Der Kampf dauerte mehrere Minuten. Frau Schmidt wehrte sich erbittert und versetzte ihm mehrere Schläge ins Gesicht.

Schließlich brach Greve einen Knüppel aus der Hecke und erschlug damit sein Opfer. Die Eisenstange hatte er während des Kampfes verloren.

Dann fiel ihm ein, dass das Mädchen Frieda ihn gesehen hatte, als er die fingierte Botschaft überbracht hatte. Er hatte auch ein Kind im Hause sprechen gehört.

Er fand die Eisenstange und ging zurück zum Schmidt´schen Haus, betrat es und fand die beiden Kinder und das Mädchen schlafend in den zwei Betten. Er erschlug alle drei mit der Stange; einer der Jungen war aufgewacht und wimmerte.

Dann suchte er im Waschtisch nach Beute, fand aber nichts. Er öffnete den Rollschrank im Wohnzimmer und entwendete 109 Mark aus einer Kassette und etwas Nickelgeld aus einer Lederbörse.

In der Küche wusch er sich in einem Eimer das Blut von den Händen, verließ das Haus und schlug, um einen Einbruch vorzutäuschen, das Wohnzimmerfenster ein.

Johannes Greve ist wohl mit äußerster Kaltblütigkeit vorgegangen, nicht nur die Tat betreffend, sondern auch die übrigen Umstände und sein Denken.

Seine Einlassungen bei den Verhören sprechen eine Sprache für sich; so habe er die derart von ihm zugerichteten Leichen mit Laken zugedeckt, da er »ihren Anblick nicht ertragen konnte«.  Auch verlässt er das Haus nicht in Panik,  sondern sucht erst nach Geld. Da er nicht viel fand, hatte er an  einer weiterer Suche »die Lust verloren«.

Er habe den Sonntag für die Tat gewählt, da die Einwohner wegen des samstäglichen Balles am Sonntag Morgen schlafen würden.

Er habe im Haus zuerst das Mädchen erschlagen, da sie die Erwachsene gewesen sei; das heißt, die Gegenwehr von zwei Kindern ist leichter zu kontrollieren.

Er entledigte sich der Mordwaffe so, dass sie ohne seine Hilfe nicht gefunden werden kann, er warf sie in einen Teich.

Er war so konzentriert in seiner Handlung, dass er am Tatort im Haus keine Spuren hinterlässt.

Ihn habe der Gedanke beherrscht, dass er unbedingt einen neuen Anzug haben müsse; in der Nacht nach der Tat habe er geschlafen, wenn auch unruhig.

Er hat nicht einmal in der folgenden Zeit Reue gezeigt. In den zwei Monaten vor seiner Verhaftung war er auf dem Knechteball im Strandhotel, er war herausgeputzt mit neuem Anzug und Hut, flirtete mit den Mädchen, tanzte und amüsierte sich königlich.

Vorhaltungen diesbezüglich konterte er mit einem »ich konnte doch vergnügt sein, es war ja alles gut gegangen«.

Am 24. August 1922 wurde Johannes Greve vom Schwurgericht in Flensburg wegen Mordes in drei Fällen dreimal zum Tode und zum dauernden Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte, sowie wegen Totschlags verurteilt.

Die Verurteilung wegen Totschlags bezieht sich auf die Tötung des älteren Jungen. Max Schmidt besuchte die Volksschule in Süderbrarup und war nur an den Wochenenden zu Hause. Da am folgenden Montag die Schule ausfallen sollte, blieb der Junge ausnahmsweise am Sonntagabend zu Hause. Das Gericht ging davon aus, dass Greve, der den Jungen möglicherweise in Süderbrarup wähnte, bezüglich des Max zwar ein Tötungs-, jedoch kein Mordvorsatz nachzuweisen war.

Heute sähe das wohl anders aus, das Tatmotiv war eindeutig die Verdeckung einer anderen Straftat, somit Mord.

Das Todesurteil gegen Johannes Greve wurde nicht vollstreckt. Im Jahre 1923 wurde die Strafe in lebenslanger Haft umgewandelt.

Dies rief in der Bevölkerung einen Sturm der Entrüstung hervor, die Presse überschlug sich an eindeutig kritischen und bissigen Kommentaren; hatte man doch noch genauestens in Erinnerung, dass dieser junge Mann vier Menschen brutal erschlagen, sich dann auf dem Ball vergnügt hatte und bei seiner Verhaftung herausfordernd frech gewesen sein soll. Man wähnte ihn schon nach zehn Jahren wegen guter Führung entlassen.

Zur Reue kam er erst, nachdem Pastor Christian Nielsen aus Flensburg sich seiner annahm und mit ihm in Briefwechsel trat. Greve lernte im Gefängnis das Tischlerhandwerk und führte sich gut. Trotzdem wurde er nicht entlassen. Zuletzt war er während des zweiten Weltkriegs in Sachsen in Haft, wo er 1945 von den Russen entlassen wurde.

Johannes Greve soll 1953 noch einmal mit dem Fahrrad in Ulsnis gewesen sein, wo er einen Bewohner fragte, ob man sich noch an die Tat von 1922 erinnere. Man verschloss daraufhin die Haustüren. Jemand soll gesehen haben, wie er auf dem Friedhof weinend die Grabsteine der Familie Schmidt umarmt habe. Später soll Johannes Greve nach Übersee gegangen sein.

(Aufgezeichnet nach Aktenauszug von Cornelia Schellhorn)

Die Schriftstellerin Hanna Dunkel hat sich mit dem Thema beschäftigt und einen Roman geschrieben. »Mordsache Ulsnis« ist der Titel, erschienen im Leda-Verlag.

Wie Taucher Schwendt das Wikingerschiff fand

[Originalbericht aus den »Schleswiger Nachrichten« vom 24. Oktober 1953, bearbeitet von der Redaktion 2020] Der Taucher Ernst Schwendt aus Ulsnis stellte sich freiwillig in den Dienst der Forschungen im Haddebyer Noor und verhalf der Vorgeschichtswissenschaft zu einem Funde, den, wie wir berichteten, Professor Jahnkuhn als sensationell wertet.

Während der Arbeit an den Rändern der Sandbank vor der Mitte des Halbkreiswalls stieß Schwendt am 17. Oktober 1953 auf Holzteile. Sie waren nicht, wie die Pfähle der Dückdalben und der Stege, rund, sondern länglich. Als Schwendt im Sand weiterkratzte, fiel ihm auf, dass die Holzteile sehr lang waren. Er hatte die Bordwand eines Wikingerschiffes gefunden!

Er tastete sich in der Dunkelheit des Noorgrundes an der äußeren Bordwand herunter und konnte die Klinkerung der Planken und die Nieten im Holz feststellen. An der Innenseite des Bootes konnte der Taucher in Abständen von etwa 50 cm die einzelnen Spanten festlegen. Von den Längshölzern im Schiffsinneren wurden Teile geborgen. Als Schwendt telefonisch die Mitteilung an die »Oberwelt« gab: »Ich gebe ein Stück Holz nach oben«, ahnten weder er noch Dr. Hingst die Bedeutung dieses Wortes. Weitere Einzelteile gaben die Gewissheit, dass im Sand des Hafens ein Boot liegt. Prof. Jahnkuhn hatte bereits früher die sichere Hoffnung ausgesprochen, dass in einem alten Hafen auch Schiffe oder Schiffsteile vorhanden sein müssen. Die geborgenen Stücke der Planken sind 2 bis 2,5 cm stark.

Die Arbeit der folgenden Tage brachte die Gewissheit, dass das gesunkene Schiff im Innern gebrannt hat. Es dürfte untergegangen sein, nachdem Wasser ins Bootsinnere drang. Dr. Hingst schätzt, dass das Schiff eine Länge von etwa 30 m hat.

Die zweite Plankenwand wurde erst nach zweitägiger Arbeit in etwa 2,5 m Entfernung von der ersten gefunden. Damit konnte die Lage des Wikingerhandelsschiffes genau festgelegt werden.

Die Untersuchungen mit Sonden ergaben, dass in der ganzen Länge zwei Holzschichten übereinander liegen: das Schiffsdeck und der Schiffsboden. Damit war die Gewissheit geschaffen, dass der untere Teil des abgesackten Bootes erhalten ist. Es kann also in Schloss Gottorf wieder hergestellt werden. Die ersten Funde sind bereits Dr. Schlabow anvertraut. Für ihn bildet es kein Problem, das alte Holz haltbar zu machen, nachdem ihm die Rettung des Nydambootes gelang. Vielleicht wird der Haddebyer Noorfund eines Tages ein Gegenstück zum »Großschiff der Vorzeit« bilden; die Nydamhalle neben Schloss Gottorf dürfte noch Raum für ein zweites Schiff haben.

Wie kann der 30 m lange Fund gehoben werden? Er liegt bis zur Deckshöhe, 80 bis 100 cm über den Schiffsboden, im Sand. Der Bergungsplan sieht vor, dass der Sand durch eine Pumpe der Feuerwehr weggespült wird. Dann muss Stück um Stück hochgehievt werden; als Kuriosum sei bemerkt, dass jedes geborgene Teil mit Lippenstift beschriftet wird. Eine Farbe, die der Feuchtigkeit widersteht.

Es besteht noch keine Klarheit darüber, ob die Bergung noch in diesem Jahre erfolgen kann. Ernst Schwendt wird dabei eine schwere und verantwortungsvolle Arbeit zu übernehmen haben. Durch seine leidenschaftliche Freude an der ihm gestellten Aufgabe wird es ihm sicherlich gelingen, auch dabei den besonderen Erfordernissen gerecht zu werden, wenn auch die 180 Pfund seines Taucheranzuges zuweilen schwer drücken und ihm nicht immer jene Beweglichkeit gewähren, die er sich in seiner Arbeit wünschen möchte.

Im Wasser: Taucher E. Schwendt. Foto: BauerIm Wasser: Taucher Ernst Schwendt. Foto: Bauer

Die Gesamtergebnisse der Forschung im historischen Raum von Schleswig haben erneut gezeigt, dass Haithabu noch vieles für die genaue Kenntnis einer längst vergangenen Zeit auszusagen hat.

Wertvolle Helfer der Wissenschaftler bei Arbeiten am und über Wasser waren die Schüler von Louisenlund und die Jungen des JAW Schleswig. Sie bedienten das Beiboot, schleppten die primitiven Anker des Prahms (»Arche Noah«), bedienten die Pumpen, die dem Taucher Luft zuführen, beobachteten die Luftschläuche und das Telefonkabel und hatten dabei ernste Pflichten zu übernehmen. Die Forschungsleitung stellt der Jugend das Zeugnis aus, dass sie aufmerksam, gewissenhaft und mit großem Interesse mitarbeitete.

Wissenschaftler und Reporter auf dem Haddebyer Noor. Taucher Ernst Schwendt untersucht den Grund des Hafens von HaithabuWissenschaftler und Reporter auf dem Haddebyer Noor. Taucher Ernst Schwendt untersucht den Grund des Hafens von Haithabu.

Anmerkung: Ernst Schwendt lebte von 1945 bis 2001 in Ulsnis-Kirchenholz. In späteren Jahren war er Angestellter des Wasser- und Schifffahrtsamtes in Eckernförde. Im Sommer 2001 konnte er noch der Einladung des dänischen Unterwasserarchäologen Professor Ole Crumlin-Petersen folgen und die Bergungsarbeiten eines Wikingerschiffes in Karschau besichtigen. Professor Ole Crumlin-Petersen hatte 1953 als junger Student die Unterwasserarbeiten in Haithabu im dänischen Radio verfolgt. Ernst Schwendt starb 79-jährig im November 2001.

Als Ulsnis im Schnee versank

[Originaltext von Annemarie Leppien aus der Chronik 2010, bearbeitet von der Redaktion 2020]

Tagebuchnotizen zur Schneekatastrophe 1978/79

Diese Tagebuchnotizen habe ich ursprünglich für meine Familie aufgezeichnet. Sie scheinen mir aber wert, als Zeitdokument für unser Dorf Ulsnis festgehalten zu werden. Damals war ich Leiterin des Familienerholungsheims in Ulsnis. Das Haus liegt unmittelbar an der Schlei, etwas erhöht, doch nur wenige Meter vom Wasser entfernt, also in Ulsnisland.

Donnerstag, 28. Dezember 1978

Draußen tobt ein Nordoststurm mit fast unheimlichen Sturmböen. Die Schlei gleicht einem tobenden Meer. Das Wasser steigt von Stunde zu Stunde. Schon haben die Wellen unsere große Holzbrücke überspült. Wird sie standhalten?

Nachts: Der Sturm nimmt an Stärke zu. An Schlaf ist nicht zu denken. Beim Hellwerden finde ich unsere Brücke und die schweren gusseisernen Bänke auf der Strandwiese vor dem Haus – ein Spielball der Wellen.

Ich meine, der Sturm nimmt immer noch zu. Schneeböen fegen waagerecht durch die Luft.

Freitag, 29. Dezember 1978

Alle Wege zum Dorf scheinen zugeweht. Vorsorglich beim Kaufmann telefonisch Brot und Fleisch bestellt.

Nachmittags: Beim Versuch, zu Fuß ins Dorf zu kommen, versacke ich im tiefen Schnee, kehre deshalb um.

Nachts: Nordoststurm hält unvermindert an – »zweistimmig«: Das rollende Geräusch des Sturms und das der klatschenden Wellen, dazwischen das Heulen der Sturmböen bei Windstärke 10-12 Beaufort. Wasser steigt weiter. Das Radio lasse ich vorsichtshalber an. Eben kommt die Meldung:» Gefahr einer schweren Sturmflut – Wasser zwei Meter über Normal«. Ein Deich bei Kappeln, einer bei Hasselberg gebrochen. Katastrophenalarm für den Kreis Schleswig-Flensburg.

Sonnabend, 30. Dezember 1978

Frühmorgens: Die ganze Straße vom Fährhaus bis zur Eiche am Heim ist überflutet. Wellen brechen sich am Gartenzaun.

8 Uhr: Der Kaufmann ruft an, ob meine zurückgelegten Lebensmittel weitergegeben werden können. Seit Donnerstagmorgen keine Warenanlieferung – und zwei Feiertage stehen bevor!

9.30 Uhr: Durch den Wald versuche ich mich zu Frau Kutz durchzuarbeiten. Es gelang und sie konnte mit Eiern und Fleisch aushelfen. Ein Weiterkommen bis zur Schleistraße war wegen zu hoher Schneemassen unmöglich. Morgen werde ich mir selber Brot backen, gut, dass ich noch Hefe habe. Ab mittags verstärkt sich der Schneesturm. Das Telefon ist abgestellt. Man befürchtet, so heißt es, dass die Batterien nicht genügend aufgeladen werden können. Sollte bei uns wirklich ein Ernstfall eintreten, wäre ohnehin ein Zueinanderkommen nicht möglich.

22 Uhr: Noch immer schneit es. Der Nordost jagt allerfeinste Flocken waagerecht vor sich her. Sie klatschen mit Wucht an die Fensterscheiben. Rings ums Haus haben sich seit den Abendstunden hohe Schneewälle aufgetürmt.

Sonntag (Altjahrsabend), 31. Dezember 1978

Morgens: Frost, Minus sechs Grad.

Gegen Mittag: Eine Rundfunkdurchsage: »Absolutes Fahrverbot – auch für den Kreis Schleswig-Flensburg«. Uns berührt das nicht. Bereits seit Freitagnacht sind sämtliche Wege unpassierbar. Das Telefon ist noch tot – Gespräche zu empfangen, ist glücklicherweise möglich. Immer noch zeigt das Thermometer  minus sechs Grad. Schneesturm und Böen mit Windstärke bis zehn Beaufort. Ein Hinausgehen ist schon wegen der zugeschneiten Türen nicht möglich. So sitze ich am Silvesterabend 1978 alleine – aber wohlbehalten und warm! Gewissermaßen in einer »Festung«. Frost und Schnee haben die Schlei, die sich noch vor 24 Stunden als tobendes Meer gebärdete, in ein weites weißes Feld verwandelt.

18 Uhr: Fast scheint es so, als habe der Sturm an Heftigkeit noch zugenommen. Ein Telefonat aus Süderbrarup gelang dem Anrufer aus einer Telefonzelle. Ich versuchte, ob es auch bei uns klappt – und hatte Glück. Im Häuschen am Grundstücksende reichte mir eine Schneewehe bis Brusthöhe. Die Wände waren dicht verschneit – und ganz oben in der Ecke, fast rührend anzusehen, hing ein von Schneeflocken verziertes Spinnwebchen.

Mit den hier sonst üblichen Silvesterscherzen der Jugendlichen brauchte ich heute Abend nicht zu rechnen: Keine Bänke, keine Absperrbalken, keine Mülltonnen und Kellergitter werden abgeschleppt. Das Abbrennen jeglicher Feuerwerkskörper ist vom Katastrophenschutz über Rundfunk untersagt.

Montag (Neujahrstag), 1. Januar 1979

Der heftige Nordoststurm, der noch bis in die Morgenstunden tobte, flaute am Vormittag ab. Und gegen Mittag kam sogar die Sonne heraus – und überstrahlt nun eine ganz friedlich gewordene Landschaft. Inzwischen ist es 15 Uhr geworden. Gleich nach dem Mittagessen zog es mich hinaus, um mich zu informieren, wie es rundherum aussieht und wie es den Nachbarn ergangen ist. In einer tiefen Treckerspur stapfte ich über Tönnsens Hof, von dort aus führte sie weiter bis zum Ende des Waldes. Dort bog sie aber westwärts über die Felder ab. Dieser Spur zu folgen, dürfte morgen wohl für mich der einzige Zugang zum Dorf sein. Den Knickweg decken meterhohe Schneemassen.

Schnee haushoch in GunnebySchnee haushoch in Gunneby

Als Bauer Tönnsen am Sonnabend mit seinen Söhnen den Versuch unternahm, per Trecker im Schneesturm über die Felder (die einzige Möglichkeit noch) ins Dorf zu kommen, mussten sie umkehren, weil sie einfach die Richtung verloren. Der Nachbar Lindemann, das erzählte er mir selber, konnte nur mit Hilfe seines Kompasses ins Dorf und wieder zurück gelangen.

17 Uhr: Eben komme ich von Tönnsen, wo ich mir, wie die nächsten Nachbarn auch, Milch holte. Die Bauern können ohnehin keine Milch loswerden. Die Männer kamen gerade aus dem Dorf zurück. Den ganzen Tag waren Einheimische und Zweithausbesitzer unterwegs und versuchten eine Treckerspur zum Silo zu schaufeln. Den Bauern fehlt Schrot für die Schweine.

Dienstag, 2. Januar 1979

Seit Freitag ist Ulsnis nun von der Außenwelt abgeschlossen. Von Ulsnisland aus ist das Dorf nur über die Felder zu erreichen. Das Radio meldet soeben: Noch elf Ortschaften sind seit fünf Tagen ohne Strom. Immer noch haben vier Kreise Fahrverbot – auch der Kreis Schleswig-Flensburg. Dieser Kreis soll, so heißt es, der meist betroffene sein. Die Stadt Flensburg ist weder per Bahn, noch auf der Straße zu erreichen. Selbst die Autobahn zwischen Rendsburg und der dänischen Grenze ist unpassierbar.

9.30 Uhr: Kaum mehr Wind. Die Sonne kommt sogar heraus. Ich nehme mir einen Marsch ins Dorf vor und stapfe in Tönnsens Treckerspuren, die in weitem Bogen übers Feld – bis Tollgaard-Schmidt – führen. Den Neujahrstag hatten alle Hausbesitzer benutzt, sich erstmal einen schmalen Zugang, meist nur in Schulterbreite und oft über mannshoch, vom Haus zur »Außenwelt« zu schaufeln. Bei Steffen war Hochbetrieb. Milch zum Verbrauch bekam er vom Bauern. An Brot nur noch Knäckebrot vorrätig. Der Anblick, der sich mir im Dorf bot, war unvorstellbar. Man konnte nicht mehr von einzelnen Schneewehen sprechen, vielmehr von einem einzigen Schneeberg, und das bis hinauf nach Kirchenholz. (Weiter kam ich nicht!) Bei Andresen wurden vier Meter gemessen! Ein Trampelpfad, einem Schützengraben gleich, schlängelte sich durch die Siloeinfahrt, von dort quer über die »Straße« und dann bei Kratzenberg und der Raiffeisenbank hinauf nach Kirchenholz. Das Haus von Lehrer Nissen lag auf einer Ebene mit den Schneemassen. Und mitten drin standen die Männer jeglichen Alters und schaufelten, schaufelten und versuchten eine Treckerfahrspur für die im oberen Dorf liegenden Bauern zum Silo zu schaffen. Ein Schaufeltrecker unterstützte sie. Den mir angebotenen Schluck aus der »Buddel« habe ich nicht ausgeschlagen.

Ich wollte und musste sehen, wie es bei unserem neuen, noch unbewohnten Haus in Kirchenholz aussieht. Uber die Straße kein Hinkommen. Ich fand aber einen Durchschlupf durch einen Knick, gelangte so aufs Feld, überwand dann noch einige Schneeberge und erreichte endlich das Haus, das Gott sei Dank keinen Schaden genommen hatte. Bei den Nachbarn sah es schlimmer aus. Schneeberge verdeckten die Fenster bis obenhin, die Eingangstüren waren nur durch mannshoch aufgeschaufelte schmale Gänge zu erreichen.

Mittags 12 Uhr: Ein Hubschrauber des Heeres kreiste im Tiefflug über dem Dorf. Auf einer Koppel bei Andresen setzte er einen Baggerfahrer ab, der eine dort im Schuppen stehende Raupe bedienen konnte. Reimers von der Stromversorgung wartete ebenfalls darauf, von einem Hubschrauber abgeholt zu werden.

Nachmittags: Wir können wieder telefonieren!

Den ganzen Tag über waren sämtliche Männer und Jugendliche im Einsatz, um die Straße von Ulsnisland in Richtung Dorf mit Schaufeln und der Unterstützung des Schaufelbaggers freizubekommen.

16 Uhr: Seit Freitag (29. Dezember 1978) kann ich erstmals weiter als bis zum Fährhaus gelangen. Die Schleistraße gleicht einer »Hohlen Gasse«, deren Wände teils doppelt so hoch sind wie ich. Die dahinter liegenden Häuser sind meist nicht zu sehen. Die ausgeschaufelten schmalen Zugänge zu den einzelnen Gebäuden erinnern an Schützengräben.

Die Schneemassen verdecken auch hier fast überall die Fenster im Erdgeschoss.

Mittwoch, 3. Januar 1979

Strahlendes Winterwetter. Aber immer noch ist Ulsnis von der Außenwelt abgeschnitten. Die Versorgungshubschrauber der Bundeswehr, die verstärkten Einsatz fliegen, knattern pausenlos über uns. Vier Aufnahmen kann ich noch mit meinem Fotoapparat machen. Vorsorglich lasse ich mir telefonisch beim Kaufmann einen Film zurücklegen – es ist sein letzter.

Das Dorf ist jetzt auch über den bis zur Hälfte geräumten Fischerweg, von dort über die Felder zu Fuß zu erreichen. Die Männer von Ulsnisland bemühen sich seit 9.50 Uhr vom Schullandheim ab (soweit kamen sie gestern) einen Weg in Richtung Dorf freizuschaufeln. Mit Hilfe von Räumfahrzeugen konnte in der Nacht vom Silo bis vor Weidt, Kius, eine schmale Spur freigemacht werden. Ab dort wird seit morgens geschaufelt.

Um 5 Uhr in der Frühe holte ein Bundeswehr-Hubschrauber eine Schadewald- Tochter ab – um 7 Uhr brachte sie im Kreiskrankenhaus Schleswig ihr Kind zur Welt. Um dem Hubschrauber eine Landemöglichkeit zu kennzeichnen, wurde auf einer Koppel hinter dem Haus ein Strohfeuer entzündet. Das hatte zur Folge: Ein ganz Eifriger löste Feueralarm aus!

Es ist Mittagszeit: Ich war im Dorf. Als ich mich eben wieder auf den Heimweg machen wollte, kreiste ein Hubschrauber in niedrigster Höhe über mir, flog einmal, zweimal über Tollgaard, Andresen und Silo. Ich glaubte, Steffens Hausdach würde mitgenommen. Plötzlich umgab mich eine wahnsinnige Schneestaubwolke – und vor Steffens Schaufenster stand der Hubschrauber, aus dem drei Soldaten kletterten. Sie suchten den Bürgermeister – doch der wohnt in Hestoft!

Um 14 Uhr, so heißt es, soll vom Bäcker in Brodersby Brot eingeflogen werden. Selbst das Knäckebrot und der Zwieback sind den Kaufleuten inzwischen ausgegangen. Was außerhalb unseres Dorfes geschieht, erfahren wir durch Rundfunk und Fernsehen oder das Telefon – unsere einzigen Verbindungen zur Außenwelt. Sämtliche Straßen, so auch die Autobahn 7, waren seit Beginn der Katastrophe ab Rendsburg bis zur dänischen Grenze unpassierbar. Tausende von deutschen Weihnachtsurlaubern sitzen in Dänemark fest. Die Autobahn soll einspurig so weit geräumt sein, dass im Laufe des Tages fünf Autokonvois von der Grenze bis Schleswig geführt werden können. Die Autos sollen von der dänischen Polizei bis zur Grenze begleitet und von dort durch deutsches Militär und die Polizei weitergeschleust werden. Die Stadt Schleswig sei von Schneemassen geradezu »verstopft«.

Ab frühem Nachmittag verstärkte sich die Flugtätigkeit der Hubschrauber. Es waren die Maschinen, die die eingeschlossenen Dörfer und Höfe mit Lebensmitteln, vor allem Brot, aber auch Medikamenten, die abgelegenen Bauernhöfe mit Futter für die Tiere versorgten.

15.30 Uhr: Ich war vor dem Haus. Plötzlich sah ich einen Hubschrauber hinter dem Fährhaus im Tiefflug runtergehen. Er landete nicht, sondern warf einige Beutel Brot ab zur »Selbstbedienung«! Und eben ruft Frau Tönnsen an, ob ich Brot benötige -Schwarzbrot. Ein Hubschrauber war auf einer Koppel beim Häuschen hinter dem Wald gelandet und hatte auch dort sein »Manna« abgeladen.

Donnerstag, 4. Januar 1979

Es ist wieder ein sonnenklarer weißer Wintertag bei  minus 10 Grad. Die Schlei ist zugefroren, doch selbst wenn das Eis schon tragen würde, keiner denkt an »Winterfreuden«. Meinen Weihnachtsbaum habe ich im Zimmer gestern abend zerschnitten und in ein Betttuch gepackt. Bis zur Brennstelle im Garten konnte ich morgens einen Trampelpfad schaufeln. Als aber die Hubschraubertätigkeit wieder einsetzte, wagte ich die Zweige nicht anzuzünden – mit kleinen Feuern werden die Landestellen bei Notfällen gekennzeichnet.

Um 10.30 Uhr machte ich mich wieder auf ins Dorf. Der Weg ist nun frei – rechts und links meterhohe Schneewände. Mein Ziel war wieder Kirchenholz. Die weite Sicht über das verschneite Land war einmalig schön. Im Dorf landete ein Hubschrauber, der Lebensmittel ablud. Auch Militärfahrzeuge versorgten die Kaufleute mit den notwendigsten Waren.

Süderbrarup ist nur auf dem Umweg über Lindau-Mühlenholz zu erreichen. Will man aber nach Schleswig, ist die einzige Zufahrt noch über Süderbrarup, Thumby, Böklund, Idstedt. Nach Steinfeld kommt man immer noch nur über hohe Wehen. Uberall kamen mir die Männer mit Schaufeln entgegen – es war Mittagszeit. Ihr Einsatz ist beispielhaft. Es ist wohl keiner, der sich ausschließt. Jetzt sollte ein Weg nach Ulsnisfeld freigeschaufelt werden. Der Einsatz von Räumfahrzeugen ist nur durch diese Vorarbeit möglich. 56 (!) Mann aus dem Dorf haben sich beteiligt. Und morgen um 10 Uhr geht das Schaufeln weiter – den vierten Tag! Nach diesem Marsch drehte ich, wieder im Hause, den Rundfunk an. Die Nachrichten meldeten: Die Verhältnisse in Schleswig-Holstein normalisieren sich weiter. »Nur noch einige Gehöfte und Siedlungen sind von der Außenwelt abgeschnitten.«

Vielleicht rechnet man Ulsnis zu solch einer »Siedlung?«

Um 18 Uhr ließ mich ein lautes Motorengeräusch vor das Haus treten. Es war ein Hubschrauber im Niedrigflug über der Schlei. Grelles Scheinwerferlicht überstrahlte die ganze Landschaft. Frau Geidies, so hörte ich später, musste mit einem gebrochenen Arm ins Krankenhaus nach Schleswig gebracht werden.

Vor genau einer Woche begann ich mit meinen Aufzeichnungen. Seither keine Post, keine Zeitung – aber Strom für Radio, Fernsehen – und Wärme! Täglich anteilnehmende Anrufe.

Ein Bergepanzer der Armee in Ulsnis-KirchenholzPanzerunterstützung in Ulsnis-Kirchenholz

1979: Schneefräse in GunnebySchneefräse in Gunneby

Freitag, 5 Januar 1979

Für den Kreis Schleswig-Flensburg besteht auch heute noch Katastrophenalarm; der allgemeine Schulbeginn wurde vom 8. auf den 15. Januar verlegt. Um 10 Uhr: Marsch über Tönnsens Hof, Wald, Felder zum Dorf. Bei Tollgaard-Schmidt ein Bergepanzer der Bundeswehr. Er soll den Knickweg freimachen – ein unmögliches Ansinnen – wurde deshalb abgezogen. Vor Steffen zwei weitere Bergepanzer »Berge-Leo« nennen ihn die Soldaten. -Einsatzbesprechung -. Die Straße über Ulsnishöh in Richtung Schleswig ist heute Nacht durch Bergepanzer und Schaufelbagger frei. Weiter gehe ich die Dorfstraße hinauf. Ein Bergepanzer bemüht sich, den Weg zum Pastorat freizubekommen – auch vergeblich. Das Pastorat ist leer, die ganze Familie verreist.

12 Uhr: Der Platz vor Steffen gleicht jetzt einem »Heerlager«: drei Bergepanzer, Polizeiauto, mehrere Bauerntrecker und viele, viele Männer, alle mit Schaufeln bewaffnet.

Der Weg nach Ulsnisfeld ist endlich frei!

Zwei Schneefräsen aus Richtung Schleswig kommen angefahren. Auf einer lese ich: »Straßendienst INZELL Bayern.« Ihnen folgen ausgebuddelte Autos, Mittagspause. Gerade wollte ich den Heimmarsch antreten, kam ein Bäckerauto. Zwei ergatterte Weißbrote gab ich Frau Tönnsen. Sie hat immerhin ein Mann und drei erwachsene Söhne zu verpflegen. Ich hatte Glück, mit einem Tönnsen-Sohn konnte ich über die Felder zurückfahren – per »Treckertaxe« versteht sich. Das sparte mir Zeit und nicht zuletzt Kraft.

Wie ich hörte, sollen alle Panzer abgezogen werden. Ein Versuch, die Schneemassen der Nebenwegen zu beseitigen, hat sich als zwecklos erwiesen.

18 Uhr: Die Panzer verlassen Ulsnis. Durch die klare Frostnacht hört man sie bis hier herunter knattern. Die Schleidörferstraße von Schleswig nach Süderbrarup ist wieder passierbar, wenn auch streckenweise nur in Autobreite. Es fährt nur, wer wirklich muss. Die Städte Schleswig und Husum haben immer noch Fahrverbot, offensichtlich bis Montagfrüh. Die B 201, Schleswig-Süderbrarup, ist noch nicht befahrbar. Der Kreis Schleswig-Flensburg soll, bedingt durch die Landschaftsstruktur (Knicks) der am stärksten betroffene Kreis sein, neben Nordfriesland mit seinen Inseln und Halligen. Heute sollen Urlauber von Pellworm aufs Festland ausgeflogen werden.

In einem Interview sagte der Innenminister heute: Auf Flutkatastrophen ist man in Schleswig-Holstein eingestellt – aber vergleichsweise Schneekatastrophen hat es in diesem Land noch nicht gegeben.

Samstag, 6. Januar 1979

Nach neun Tagen zum ersten Mal wieder Post und Zeitung. Alles musste oben bei der Post in Kirchenholz abgeholt werden. Am 2. und 3. Januar erschien die Zeitung nur als »Notausgabe«. Auszug: 2. Januar 1979: »Die Katastrophe hatte sich angebahnt, als der am Donnerstag einsetzende Schneesturm als Folge eines Zusammenpralls arktischer und subtropischer Luftmassen Straßen und Schienenwege blockierte.« -Schleswig-Holstein erlebte die schwerste Winterkatastrophe seit Jahrzehnten.«

Sonntag, 7. Januar 1979

In fünf Stunden Thermometeranstieg von  minus 10 Grad auf 0 Grad. Jetzt regnet es. Alles vereist, kein Hinauskommen. Anordnung aus Kiel: Montag fällt in ganz Schleswig-Holstein der Schulunterricht aus.

Zweites ,,Schneeunter«

Am 13. Februar wurde so auch unser Dorf von einer neuen Schneekatastrophe überfallen. Seit dem Jahreswechsel hat es praktisch nicht getaut.

Schleswiger Nachrichten, 11. Februar 1979: »Der heftige Ost-Nordost-Sturm, fegte die mühsam freigemachten Straßen postwendend wieder zu.« . . . Gegenüber der kaum sechs Wochen zurückliegenden Schnee- und Hochwasserkatastrophe im Kreis Schleswig-Flensburg, unterschied sich die gestrige Situation dadurch, dass der Neuschnee vergleichsweise gering war, aber der Altschnee verwehte, der noch in großen Mengen die Landschaft bedeckt. Der Altschnee, an den Straßenrändern zu inzwischen gefrorenen Bergen aufgetürmt, stellte auch das größte Handicap für die Schneeräumung dar.

Erst am Montag, dem 19. Februar 1979, hat sich die Schneewetterlage entschärft – das Fahrverbot ist aufgehoben.

Weitere Informationen

Wikipedia hat der Schneekatastrophe in Norddeutschland 1978 ein eigenes Kapitel gewidmet, Sie können es hier nachlesen.

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