Kirche

St.-Wilhadi-Kirche Ulsnis

St. Wilhadus

Im Jahre 1338 wurde die Kirche von Ulsnis dem heiligen St. Wilhadus gewidmet, einem angelsächsischen Priester aus Northumberland, der 772 unter den Friesen missionierte. 787 wurde er der erste Bischof von Bremen.

Die Baugeschichte

Die Baugeschichte historischer Kirchen lässt sich heutzutage oft nur aus alten Rechnungsbüchern der Kirchengemeinden rekonstruieren. Diese liegen für die Kirche von Ulsnis seit 1561 vor.

Der ältere Teil der Kirche ist ein romanischer Feldsteinbau mit Verwendung von rheinischem Tuffstein aus der Mitte des 12. Jahrhunderts und somit in Teilen die wohl älteste erhaltene Kirche Angelns. Wie die Kirchen in ganz Angeln, wurde sie auf einem Thingplatz errichtet. Um 1200 n. Chr. erfolgte nach Westen ein Erweiterungsbau mit bis zu 1 m dicken Mauern.

1655 wurde der Dachstuhl komplett erneuert. Dies ist insofern bedeutsam, als damit auch eventuell Spuren beseitigt wurden, die Rückschlüsse ermöglichten könnten auf die Motive für die Errichtung des romanischen Westteils.

Grundriss der St.-Wilhadi-Kirche

1796 brach man den baufälligen Chorbogen und Kastenchor ab und man erweiterte die Kirche erneut, diesmal um fünf Fach, es entstand der jetzige Ostteil – und die Kirche wurde dadurch zu einer Saalkirche.

Im Zuge dieses Bauabschnitts wurde auch die Orgel versetzt und erhielt ihren heutigen Stand oberhalb des Altars.

Alter Grundriss der Kirche von Ulsnis

Grundriss der Kirche. Foto: Reinhard Scheiblich.

Weitere Veränderungen

1869 erhielt die Kirche durch den neugotischen Dachreiter mit Turmuhr und Turmglocke ihre heutige Form.

1888 erfolgten große Veränderungen. Der Vorbau, das Leichhaus aus dem Jahre 1634, wurde abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Die alten Grabplatten wurden aus der Kirche entfernt. Lediglich das sandsteinerne Wappen (Monogrammkartusche von 1673) des alten Leichhauses wurde im Neubau übernommen (C5 – Pietate et Justitia = König Christian V.  von Dänemark, sein Wahlspruch: für Frömmigkeit und Gerechtigkeit).

Der Friedhof

Die Anlage von Kirche und Friedhof bildet ein Rechteck, umschlossen von einem Steinwall mit Eichen (1853-1857), mit Zufahrtsalleen und baumumstandenen Vorplätzen im Osten und Südwesten. Das im Osten errichtete backsteinerne Tor mit Wagen- und Gangpforte wurde 1716 errichtet, das Tor ähnlicher Gestalt im Südwesten im Jahre 1772.

Sie finden am südlichen Rand des Friedhofs das Grab des Nobelpreisträgers Otto Diels, der den Preis für seine Leistungen im Bereich Chemie erhalten hat, sowie die Gräber zweier Zwangsarbeiter, die in der Gemeinde 1943 und 1945 tödlich verunglückten.

Die Reliefquader

Reliefquader Kirche UlsnisDie Reliefquader im Ostteil der Kirche gehören zu den ältesten und bedeutendsten romanischen Kunstwerken im Lande. Sie befanden sich bei der Entstehung der Kirche an einem anderen Ort. Erst 1796 wurden sie an ihren heutigen Platz versetzt. Diese Quader haben die vielfältigsten Deutungen erfahren. So wurde die Figur des nordöstlichen Eckquaders als tanzende Salome gedeutet, die Verführung zur Sünde; die Figur auf demselben Stein daneben galt als Nymphendarstellung.

Den zweiten Reliefquader, ein Paar, das sich umarmt, haben Kunsthistoriker als Joachim und Anna (die Eltern Marias), als Symbol der Ehe, (weil Hochzeitspaare in vorreformatorischer Zeit am Norderportal vor ihrem Einzug in die Kirche vom Pfarrer gesegnet wurden) oder als Stifterpaar der Kirche gedeutet. Eine andere, scheinbar profane Interpretation ist möglicherweise die richtige: das älteste Liebespaar von Ulsnis.

Der Historiker Eckardt Opitz (Helmut-Schmidt-Universität Hamburg) hat sich intensiv mit der romanischen Bauplastik Angelns befasst und ist aufgrund von Vergleichen mit skandinavischen Darstellungen, z. B. in Djursland (Dänemark) zu dem Schluss gekommen, dass die Reliefquader im Ostteil der Kirche von Ulsnis Eva, die Schlange und den Sündenfall darstellen und das Paar auf dem Eckquader im Nordosten als Adam und Eva nach der Vertreibung aus dem Paradies anzusehen sind. Geht man davon aus, dass Adam und Eva das erste Paar der Weltgeschichte waren, ist die Annahme, es handle sich bei der Abbildung auf dem Eckquader um das älteste Liebespaar von Ulsnis, geradezu bescheiden.

Die Bildsprache des 12. und 13. Jahrhunderts ist uns heute fremd. Dem mittelalterlichen Kirchenbesucher war sie begreiflich. Ihm wurden die Sündhaftigkeit des Menschen und die Überwindung des Bösen durch Jesus Christus vor Augen geführt. Wenn Eva als Frau und Schlange zugleich, aber auch als Symbol der Verführung gezeigt wird, war dies genauso verständlich wie die Darstellung der Angst nach dem Sündenfall. Das Paar ist bekleidet, fürchtet sich und sucht Schutz beieinander. Nur durch das Bekenntnis zu Jesus Christus kann der Sündenfall überwunden werden. Dazu bedarf es des Akts der Taufe.

Das Süderportal

Süderportal Kirche UlsnisDie ersten christlichen Gotteshäuser waren Taufkirchen. Spuren davon haben sich in Angeln, so in Ulsnis, erhalten. Wer sich zu Christus bekennen wollte, betrat die Kirche durch das Nordertor, wurde am Taufbecken, das sich ursprünglich genau zwischen den Portalen befand, getauft und trat nach Süden hinaus ins Licht. Deshalb ist das Südertor in besonderer Weise geschmückt.

So gibt es über der Tür ein Tympanon (geschmücktes Bogenfeld) aus schwarzem Granit. Während bei den meisten Tympana über Südertoren in Angeln Christus dargestellt wird, der die Kirche begründet, indem er Petrus den Schlüssel und Paulus das Buch übergibt, begegnet uns in Ulsnis eine bemerkenswerte Variante: Der Betrachter wird mit dem zweiten großen Sündenfall und seiner Überwindung konfrontiert, mit der Geschichte von Kain und Abel.

Rechts der Löwe als Symbol für die Kraft des Bösen. Er ist im Begriff, den Menschen zu verschlingen, den er zwischen seinen Pranken niederdrückt. Dieser wehrt sich, indem er ihm sein Schwert in den Rachen stößt. Aber es hilft ihm nichts mehr. Die Löwendarstellung auf der linken Seite scheint nur auf den ersten Blick das Gleiche darzustellen: Die Geste des Löwen, wie er den unter ihm knienden Menschen umfasst, wirkt hier eher beschützend.

In Verbindung mit dem Tympanon ergibt sich der Sinn: Christus verwandelt die Kraft des Löwen vom Bösen zum Guten. Diese Doppeldeutung des Löwen ist im Mittelalter in ganz Europa verbreitet; Beispiele finden sich in unserer Nähe u. a. in Schleswig, Munkbrarup und Nieblum (Föhr).

In Ulsnis sehen wir am linken Türpfosten noch ein Drachenrelief, das drohend daran erinnert, dass die Macht des Bösen auch für den Christen noch als Gefahr in der Welt bestehen bleibt und stets aufs Neue überwunden werden muss.

Tympanon

Tympanon Kirche UlsnisAuf der linken Seite sehen wir Abel, den Hirten, mit seinem Opferlamm; rechts erkennen wir Kain, den Bauern, mit der Garbe, der – und das ist das Besondere – vom Teufel geschoben wird. In der Mitte thront Christus mit dem Buch im Schoß, er wendet sich segnend Abel zu.

Links und rechts vom Eingang, unterhalb des Tympanons, sehen wir Tiergestalten aus Granit. Auf beiden Seiten befinden sich Löwendarstellungen.

Der Innenraum

Innenraum Kirche UlsnisIm Innenraum sind die Erweiterungen der Kirche 1796 nach Osten an der Deckenhöhe abzulesen. Die romanischen Teile besitzen eine Holzbalkendecke, der Ostteil eine höher liegende Bretterdecke.

Die Empore im Westteil, auch Knechteboden genannt, ist die ältere. Das Stützenwerk wird auf das 17. Jahrhundert datiert. Die Nordempore mit der Treppe ist vermutlich 1784/85 angebaut worden.

Die Sitzplätze waren einer strengen Ordnung unterworfen, sie war von der Obrigkeit zu genehmigen. Männer und Frauen saßen getrennt – wie wir es heute noch von den Synagogen und Moscheen kennen – Jungen und Knechte saßen ebenfalls für sich im oberen Sitzbereich, daher die Bezeichnung »Knechteboden«. Alle Mitglieder der Gemeinde hatten feste Plätze.

Es bestand die Möglichkeit, sich in der Kirche bestatten zu lassen. Dieses Anrecht konnte durch eine Stiftung erworben werden. Die noch vorhandenen Grabplatten sind die der Familien Nissen und Lorenzen; sie stehen heute außen an der Ostseite der Kirche.

In der Zeit von 1979-81 fand die letzte Generalrenovierung statt – dabei erhielt die Kirche auch den jetzigen Fußbodenbelag.

Die Ausmalung

Im Bereich des zugemauerten Nordertores wurden 1935 Reste einer barocken Wandbemalung freigelegt. Erkennbar ist die Hälfte eines Königswappens sowie Teile von Figuren.

Laut Rechnungsbüchern entstand diese Malerei 1673 und wurde im 18. Jahrhundert ergänzt und erneuert. Sie stellte ursprünglich alle dänischen Könige von Dan bis Christian VII dar, dazu noch Szenen aus dem Leben Christi.

Der jetzige Anstrich ist von 1980 und orientiert sich an klassizistischen Vorbildern.

An den Deckenbalken sind Spuren von Blumen- und Rankenmustern unter der Farbe erkennbar. Sie wurden, nach dem Vorbild der ursprünglichen, bunten Balkendekoration von 1655, im Jahre 1949 rekonstruiert.

Der Taufstein der St.-Wilhadi-Kirche zu Ulsnis

Taufstein Kirche UlsnisDer Taufstein gehört zur Gruppe der Löwentaufsteine, die aus heimischem Granit im 12. Jahrhundert gefertigt wurden und als die ältesten im Lande anzusehen sind.

Dargestellt sind zwei Löwenköpfe, sie verweisen auf die Überwindung des Bösen durch die Taufe und stehen damit in Verbindung mit der Darstellung am Süderportal.

Jahrzehntelang wurde der Taufstein bei einem Schmied und bei einem Landwirt zweckentfremdet; 1930 holte ihn der damalige Pastor Loos zurück in die Kirche. Der Sockel kam sogar erst um 1970 aus der Treppe eines Baumeisters zurück.

Zwei Kruzifixe

Von kunstgeschichtlicher Bedeutung ist der frühgotische Christuskorpus, mit dem langen Tuch (1230/40), an der hinteren Südwand. 2012 kam er, nach über 100 Jahren im Flensburger Museum, auf Initiative des Fördervereins in die Kirche zurück. Das Kreuz dazu wurde aus den Ulmen der früheren Kirchenallee gefertigt.

Das spätgotische Triumphkreuz im Altarraum entstand zu Anfang des 16. Jahrhunderts.

Ritter St. Georg (hierzulande: St. Jürgen)

Der Legende nach war Georg im 4. Jahrhundert ein römischer Offizier, der wegen seines christlichen Glaubens getötet wurde. In der alten und byzantinischen Kirche wurde er sehr verehrt und gehörte zu den beliebtesten Motiven byzantinischer und russischer Ikonenmaler.

Im Mittelalter kam dieser Kult durch die Kreuzfahrer auch nach Europa. Neben der Darstellung als Ritter gab es die Überlieferung des heiligen Georg als Drachenkämpfer und in dieser Form wurde er in der Kunst des Westens vom 12. Jahrhundert an fast ausschließlich dargestellt.

Diese spätgotische Figurengruppe aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts stand früher im Leichhaus, wurde ca. 1880 nach Flensburg ausgeliehen und um 1930 nach Ulsnis zurückgeholt.

Altar, Altarbrett und Kanzel

In vorreformatorischer Zeit hatte diese Kirche mehrere Altäre. Noch 1506 weihte der Bischof Detlev zu Schleswig zwei Altäre. Wohl von diesen ist ein gotisches Inschriftenbrett erhalten, das in Latein die Namen der Heiligen, und – übermalt und überschrieben – in Niederdeutsch den Abendmahlsspruch darstellt.

Aus dem 18. Jahrhundert wird von einem großen, prächtigen Barockaltar berichtet, angeblich dem schönsten von Angeln. Dieser soll nach der Umstellung der Orgel stückweise verkauft worden sein.

Angepasst an die Orgel wurde 1803 ein neuer Altar von dem Bildhauer Jörg Schmädl gefertigt, ein klassizistisches Rahmenwerk mit Doppelpilastern, Gebälk und Aufsatz und den Altarschranken. Das gleichzeitig entstandene Altarbild von J. P. Goos zeigt das heilige Abendmahl.

Die barocke Kanzel ist aus dem Jahre 1673. Sie stellt einen fünfseitigen Korb dar mit gedrehten Säulen, Ohrmuschelwerk und gemalten Standfiguren in den Feldern. Zugehörig ist ein sechseckiger Schalldeckel mit Engelsköpfen. Ehemals war auch eine Sanduhr vorhanden, die dem Pastor anzeigte, wie lange er schon gepredigt hatte.

Die Orgel

Orgel der Kirche in UlsnisLaut Rechnungsbüchern ist spätestens seit 1682 eine Orgel vorhanden gewesen. Dies wäre eine der ältesten Orgeln Angelns. Sie wurde 1785 an die Kirche zu Brodersby verkauft, wo das Gehäuse noch heute eine Orgel beherbergt. Die heutige Orgel von 1785/86 ist das letzte vollendete Werk des Orgelbauers Johann Daniel Busch aus Itzehoe. Sie wurde 1798/99 von der Empore im Westteil in den Ostteil umgesetzt und von dem Flensburger Orgelbauer Jürgen Heinrich, genannt Angel, um die Pedaltürme erweitert. Weiterführende Informationen entnehmen Sie bitte dem Faltblatt zur Orgel. Es liegt in der Kirche aus.

Der Glockenturm

Glockenturm der Kirche in UlsnisDer Turm wurde in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts auf einem bronzezeitlichen Grabhügel errichtet. Aus dem Jahre 1569 ist die erste Rechnung für eine Glocke überliefert. In den folgenden Jahrhunderten mussten mehrmals Glocken umgegossen werden, weil sie Sprünge bekamen. Eine große Bronzeglocke wurde 1942 vom Kriegsministerium konfisziert. Heute hängen im Turm drei Glocken: Eine Gussstahlglocke aus Bochum von 1869 und zwei Bronzeglocken von 1959 und 1996.

Redaktion

Text: Förderverein der Kirche zu Ulsnis e.V.. Wir danken Herrn Professor Eckardt Opitz für seine Hinweise und Mitarbeit. Redaktion: Richard Krohn & Johanna Heyland, Grafik: Katharina Feldmann & Frank Walensky. Fotos: Reinhard Scheiblich, Inga Paulsen, Johanna Heyland.